Magazin

Ipsos-CEO: Warum Wahlprognosen immer schwieriger werden

Für das GQ-Magazin ist er der “genialste Meinungsforscher” überhaupt. Das beweist Ben Page auch im Signal & Rauschen-Exklusivinterview. Uns hat er erzählt, warum Wahlprognosen wie Würste sind, wieso es angesagt ist, Front National zu wählen - und er hat zugegeben, welche Fehler er vor der Brexit-Abstimmung gemacht hat.

Gesetze sind wie Würste – man sollte besser nicht dabei sein, wenn sie gemacht werden”, sagt  Ben Page. “Jeder liebt das Ergebnis, niemand die Herstellung. Bei Wahlumfragen ist es genauso.” Dieses vermeintlich vom deutschen Staatsmann Otto von Bismarck ausgeliehene Zitat gibt der britische Meinungsforscher beim Journalism Festival in Perugia zum Besten. Bei einer Podiumsdiskussion erklärt er, warum seine Zunft in letzter Zeit so oft daneben lag.

 

Üblicherweise gäbe es bei Abstimmung eine Flucht Richtung Sicherheit und Status Quo, meint Page. Bei der schottischen Unabhängigkeitsabstimmung haben sich etwa bis zum Abstimmungstag viele Unsichere entschieden, dann doch gegen eine Veränderung zu votieren. “Aber nicht diesmal, nicht bei der Brexit-Abstimmung”, sagt Page. Zehn Prozent der britischen Wähler träfen heute ihre Wahlentscheidung überhaupt erst in der Wahlkabine. Und das mache den Job des Meinungsforschers immer schwieriger.

 

Dann überrascht Page: Die Zahlen in der letzten Umfrage vor der Brexit-Abstimmung deuteten sogar auf “Leave” hin, aber man habe den eigenen Zahlen nicht vertraut und die Wahlbeteiligung falsch eingeschätzt. Dadurch sei es zur letztlich fatalen Fehleinschätzung gekommen.

 

Wer ist der Mann?

Das Magazin GQ  erklärte Page 2015 zu einem der hundert am besten vernetzten Männer Großbritanniens und adelte ihn zum “genialsten Meinungsforscher”. Page leitet das britische Meinungsforschungsunternehmen Ipsos MORI und hat in der Vergangenheit mit Ministern der Konservativen und der Labor Party zusammengearbeitet. Für Signal & Rauschen nahm er sich Zeit für ein exklusives Interview. Sein wichtigster Rat: “Wir müssen besser darin werden, die Unsicherheiten unserer Modelle zu kommunizieren.”

Signal & Rauschen: Ihr Umfrageinstitut und viele andere haben den Ausgang der Brexit-Abstimmung falsch vorhergesagt. Warum lagen Sie so daneben?

Ben Page: Der Hauptgrund ist, dass die Lager sehr knapp beisammen lagen. Damit wird es unberechenbar. Es stimmt, die Umfragen haben “Remain” in Führung gesehen. Aber wenn alles bei ungefähr 50 Prozent liegt und die Volatilität so hoch ist, ist jeder Ausgang möglich. Wahlumfragen können aber auch sehr, sehr exakt sein, wie die Wahlen in den Niederlanden gerade gezeigt haben.

Signal & Rauschen: …aber bei der Brexit-Abstimmung lagen die Umfragen falsch?

Ben Page: Die kurze Antwort ist: Ja, wir haben Fehler gemacht. Im Endeffekt sind die Ergebnisse aus der Befragung in der Hälfte der Fälle richtig, aber der Meinungsforscher glaubt den Zahlen nicht. Dann macht er es durch seine Entscheidungen bei der Gewichtung schlimmer. In der anderen Hälfte der Fälle brachte die Befragung falsche Ergebnisse und durch die Gewichtung des Meinungsforschers wird das Bild korrigiert. Statistisch gesehen sollten wir also vielleicht aufhören zu gewichten und lediglich die ungewichteten Ergebnisse veröffentlichen. Aber das menschliche Problem ist, dass wir oft glauben, wir könnten durch Gewichtungen ein besseres Bild bekommen.

Signal & Rauschen: War die Brexit-Abstimmung schwieriger zu prognostizieren als andere Wahlen?

Ben Page: Prinzipiell sind Referenden immer schwieriger vorherzusagen. Wahlergebnisse werden aber auch generell immer sprunghafter und sind anspruchsvoller zu prognostizieren, unter anderem wegen des Generationswechsels. Unsere Modelle sind empirisch darauf aufgebaut, was in der Vergangenheit funktioniert hat. Aber wenn sich die Dynamik verändert, werden auch unsere Risiken größer.

Signal & Rauschen: Es ist besonders schwierig, neue und aufstrebende Parteien wie UKIP in Großbritannien oder die AfD in Deutschland vorherzusagen. Wie gehen Sie bei IPSOS damit um?

Ben Page: Man versucht es und testet so viel wie möglich. Aber offenkundig ist es umso schwieriger, je jünger eine Partei ist. Als Anhaltspunkt kann man nur die Ergebnisse vorangegangener Lokalwahlen mit den Umfragedaten vergleichen. Bei der Wahl 2015 in Großbritannien haben wir UKIP bis auf einen Prozentpunkt richtig geschätzt. Wir hatten auch richtig eingeschätzt, dass es sozial unerwünscht ist, sich zu UKIP zu bekennen. Aber inzwischen werden viele Umfragen online durchgeführt und in der Privatsphäre des eigenen Computers gibt es keinen Grund mehr, nicht zu UKIP oder zur AfD zu stehen. In der Vergangenheit war es für meine Kollegen in Frankreich am genauesten, wenn sie einfach den Wert für Front National aus der Befragung verdoppelten. Doch jetzt ist es in Mode gekommen, den Front National zu wählen und die 26 Prozent, die sich in der Befragung zu Marine Le Pen bekennen, sind korrekt. Wenn sich die Dynamik verändert, können wir uns so lange nicht sicher sein, bis wir unser Modell in einer richtigen Schlacht – für uns eine Wahl – getestet haben.

Signal & Rauschen: Bei der US-Präsidentschaftswahl begannen auf einmal viele Medien die Siegwahrscheinlichkeiten der Kandidaten zu kommunzieren, anstatt die prognostizierten Prozentpunkte. Funktioniert das besser?

Ben Page: Ich denke, es macht die Arbeit der Journalisten schwieriger, weil sie dann nicht mehr eine simple Zahl haben. Aber es kann besser die vorhandene Unsicherheit wiedergeben. Mein Freund Nate Silver [Anm. d. Red.: Gründer der Datenjournalismusseite www.fivethirtyeight.com/], hat, so glaube ich mich zu erinnern, eine Siegwahrscheinlichkeit von 35 Prozent vorhergesagt. Und eigentlich sind 35 Prozent eine ziemliche hohe Wahrscheinlichkeit, wenn man etwa auf Sport wetten würde. Wir und die Medien sollten häufiger die Wahrscheinlichkeit kommunizieren, weil es die Unsicherheit besser widerspiegelt.

Signal & Rauschen: Aber wären nicht mehr Menschen wählen gegangen, hätten Sie gewusst, dass es prozentual ein so knappes Rennen ist?

Ben Page: Aber die Umfragen hatten ein knappes Rennen vorhergesagt! Aber Trumps Taktik – genauso wie auch die von Putin – zielt darauf, die Wahlbeteiligung zu drücken und Absetzbewegungen zu verstärken. Alle Politiker erscheinen dann als korrupt. Wenn es so viele Lügen gibt, weiß man nicht mehr, wem man glauben kann. Das ist eine absichtliche Taktik, denn es hält Leute vom Wählen ab, weil es gefühlt keinen Unterschied auslöst. Und obwohl Hillary Clinton insgesamt mehr Stimmen bekommen hat, hat genau diese Taktik für Trump an einigen entscheidenden Orten funktioniert.

Signal & Rauschen: Danke für das Gespräch.

Interview und Fotos: Christian Fahrenbach, Dominik Wurnig

Fünf Wege, mit denen Du Wahlumfragen besser verstehen kannst

Wir wollen mit besser verstehen, wie Umfragen funktionieren und was sie verändern. Zur Einführung haben wir hier fünf Lektionen zusammengefasst, auf die wir schon beim Aufbau der Seite gestoßen sind.

Zum Artikel im Magazin

Woche 19 – Was die Umfragen zeigen

Die SPD verliert weiter, die Grünen haben ihr Tief überwunden. Und die NRW-Wahl fördert einen riesigen Stimmungsumschwung zutage.

Zum Artikel im Magazin