Magazin

Fünf Wege, mit denen Du Wahlumfragen besser verstehen kannst

Wir wollen mit besser verstehen, wie Umfragen funktionieren und was sie verändern. Zur Einführung haben wir hier fünf Lektionen zusammengefasst, auf die wir schon beim Aufbau der Seite gestoßen sind.

1. Eine Umfrage ist keine Vorhersage für den 24. September
Obwohl wir umgangssprachlich oft die Begriffe synonym verwenden, gibt es einen Unterschied zwischen Prognosen, Umfragen und Projektionen. Der Arbeitskreis Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute definiert die drei Begriffe in seiner Richtlinie für die Veröffentlichung von Ergebnissen der Wahlforschung.

Da sind zunächst einmal Umfragen, die aktuell die Sympathien für die Parteien messen. Die Forschungsgruppe Wahlen nennt das die “Politische Stimmung”. Sie ist das unbereinigte Ergebnis auf die Frage: “Für wen würden sie stimmen, wenn heute Wahl wäre?” Die Ausschläge hier sind vergleichsweise deutlich.

Weil aber nicht alle Befragten auch zur Wahl gehen und Menschen nicht nur aufgrund ihrer aktuellen Meinung, sondern sich auch wegen langfristiger Sympathien und taktischer Überlegungen für eine Partei entscheiden, gewichten die Institute diese Ergebnisse. Sie rechnen die Stimmung in Stimmen um – aus der politischen Stimmung wird so die Projektion. Die Veränderungen hier sind deutlich kleiner. Die Forschungsgruppe Wahlen ist das einzige Institut, das die Stimmung separat veröffentlicht, alle anderen veröffentlichen diese Projektion, oft unter dem Begriff “Sonntagsfrage”.

Sowohl Umfragen als auch Projektionen sind also Momentaufnahmen. Sie beschreiben den Ist-Zustand zum Umfragezeitpunkt. Eine Prognose ist aber die Vorhersage für die Zukunft. Sie basiert zum Großteil oft auf den Umfragen, bezieht aber auch andere Faktoren mit ein. Möglich sind zum Beispiel volkswirtschaftliche Daten wie die Arbeitslosenquote oder Annahmen über das Wetter am Wahltag.

Meinungsforscher legen wert darauf, dass ihre Umfragen und Projektionen keine Prognosen sind – besonders wenn es bis zum Wahltag noch einige Zeit dauert. Beispielsweise die Wahl 2002 mit dem Oderhochwasser und der Irakkriegsdebatte hat gezeigt, wie schwierig Prognosen sind. Gerhard Schröder lag sechs Wochen vor der Wahl noch sieben Prozentpunkte hinter der Union. Während des Hochwassers und durch sein Nein zum Irakkrieg überzeugte er aber viele als Krisenmanager und holte so auf Edmund Stoiber auf.

2. Jede Umfrage ist ungenau
Es ist völlig unmöglich, alle Menschen zu befragen, die am Wahltag tatsächlich ihre Stimme abgeben. Die Meinungsforscher fragen deshalb eine Stichprobe der Bevölkerung, oft sind das knapp über 1.000 Menschen. Dann gewichten sie die Antworten so, dass sie dem Gesamtschnitt der Bevölkerung aus verschiedenen Altersgruppen und mit unterschiedlichen Lebensbedingungen entsprechen.

Danach rechnen die Institute ihre Ergebnisse hoch und geben eine sogenannte Schwankungsbreite an. So schreibt beispielsweise Infratest dimap: “Diese betragen im Falle einer Erhebung mit 1000 Befragten bei großen Parteien rund drei Prozentpunkte, bei kleineren Parteien etwa einen Punkt.”

Heißt also: Wenn ein Institut 29 Prozent für die SPD kommuniziert, dann sind sich die Forscher eigentlich 95 Prozent sicher, dass der Wert irgendwo zwischen 26 und 32 Prozent liegt. Man könnte diesen Wert reduzieren, beispielsweise indem statt 1000 einfach 10.000 Menschen befragt werden. Dadurch würde die Schwankungsbreite auf einen halben Prozentpunkt sinken, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung in einem tollen Überblick. Allerdings wären die Umfragen dann erheblich teurer und auch kaum noch in einem überschaubaren Zeitraum durchführbar. Wer sich das klar macht, dem wird auch deutlich, dass Einzelumfragen eher fragwürdig sind, wenn sie Nachkommastellen ausweisen.
Auch bei unseren Berechnungen ergeben sich die Nachkommastellen als mathematischer Durchschnitt – eine konkrete Aussage auf Basis von Umfrageergebnissen sind sie nicht.

3. Verschiedene Institute arbeiten mit unterschiedlichen Methoden
Meinungsforscher müssen bei ihren Umfragen irgendwie an alle Bevölkerungsteile herankommen: An Menschen auf dem Land, genauso wie an Menschen in den Städten; an Reiche und an Arme; an Menschen ohne Festnetztelefon, genauso wie an solche ohne Handy; oder an Wähler von Volksparteien ebenso wie an solche von Extremparteien am politischen Rand. Dafür kombinieren sie verschiedene Methoden. Beispielsweise befragt Infratest dimap 70 Prozent Festnetzbesitzer und 30 Prozent Mobilfunknutzer. Die sind zwar häufig jünger und urbaner, allerdings kann man bei ihnen nicht gezielt nach Menschen in einer bestimmten Region suchen, weil die Vorwahlen ja nicht zuordenbar sind. Allensbach befragt die Menschen sogar noch persönlich.

Über den Sinn der einzelnen Methoden lässt sich streiten, aber fest steht, dass die Befragungsmethoden einen Einfluss auf die Ergebnisse haben und es sich lohnen kann, auf den genauen Hintergrund einer Umfrage zu schauen.

4. Die Wirkung von Umfragen beim Wähler ist umstritten
Kritiker haben oft Angst, dass Umfragen Wahlen beeinflussen. Ihr Argument: Zu viele Wähler würden mit den Umfragen versuchen, den späteren Sieger zu identifizieren, um so auf dessen Seite zu stehen. Tatsächlich gibt es diesen Effekt, allerdings nur in geringem Ausmaß, wie dieser Slate-Artikel schreibt – wirklich wahlentscheidend sei er in den USA nicht, rechnen Forscher vor. Eine Studie aus 1994 ermittelte, dass die Umfragen zwar die Meinung über Kandidaten verändern, nicht aber die Absicht, überhaupt wählen zu gehen.

Im Jahr 2012 ist an der Stanford Business School ein Studienpapier erschienen, das die Meinung der Befragten zu spezifischen Politikthemen abgefragt hat. In einem zweiten Schritt wurde den Probanden eine von drei (ausgedachten) Statistiken präsentiert: Wie hatten “Experten”, “Menschen wie ich” oder “die Gesellschaft allgemein” abgestimmt? Besonders stark veränderten die Teilnehmer ihre eigene Meinung angesichts der Expertenurteile, aber in allen drei Fällen gab es einen messbaren Effekt.

5. Aber: Umfragen verändern definitiv Politik
Die tatsächliche Wirkung von Umfragen auf das Wahlergebnis lässt sich also schwer belegen. Fest steht aber, dass sie die politische Diskussion und die Rahmenbedingungen von Politik verändern.

Beispielsweise wurden in den USA bei den Duellen zwischen den republikanischen Präsidentschaftskandidaten die zehn Kandidaten in eine Hauptrunde eingeladen, die in den Umfragen vor der Debatte vorne gelegen hatten. Alle anderen wurden in eine Art Trostrunde am späten Nachmittag verfrachtet – natürlich mit deutlich weniger Zuschauern. So haben Umfragen und TV-Verantwortliche aktiv beeinflusst, wessen Positionen die Zuschauer wahrnehmen können, obwohl es ein Jahr vor der Wahl äußerst problematisch ist, Kandidaten aufgrund von wenigen Promillepunkten eine solche Bühne zu gewähren oder zu verwehren.

Vor allem in den Vereinigten Staaten kommt noch ein zweiter Effekt hinzu: Umfragen helfen Spendern dabei, ihr Geld zu verteilen. Ein Plus machen aber sowohl diejenigen Kandidaten, die aus dem Feld herausstechen als auch solche, die zunächst vorne lagen und plötzlich an Boden verlieren.

Neues Prognosemodell von YouGov sieht AfD auf Platz 3

Nicht nur die Prozent der Stimmen, sondern auch die zukünftige Verteilung der Sitze im Bundestag will YouGov mit seinem Modell vorhersagen. Größte Überraschung: Die AfD liegt klar auf dem dritten Platz, während die Grünen um den Einzug bangen müssen. Außerdem soll der Bundestag größer werden als jemals zuvor.

Zum Artikel im Magazin

Wissenschaftler sehen Schulz-Zug auf dem Abstellgleis

Nicht nur Meinungsumfragen versuchen den Ausgang der Bundestagswahl vorherzusagen. Auch Politikwissenschaftler arbeiten an Prognosemodellen. Über vier Monate vor der Wahl legen zwei davon sich fest: Merkel bleibt vorne.

Zum Artikel im Magazin