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Wahlumfragen sind wichtiger als ihr Ruf

Auch wenn viele das Gegenteil behaupten: Meinungsumfragen waren noch nie so wichtig wie heute. Sie entscheiden Wahlen und können Politikerkarrieren bestimmen. Gemeinsam mit Christian Fahrenbach untersuche ich bis zur Bundestagswahl regelmäßig das Auf und Ab der vielen bunten Zahlen, die mitbestimmen, wer gewinnt.

„Meinungsforscher können einpacken“, „Wie die Meinungsforscher versagten“ oder zuletzt „Meinungsforscher lagen bei Saarwahl schon wieder daneben“ – alles Überschriften, die in den vergangenen zwölf Monaten in verschiedenen Medien erschienen sind.

Die Sache scheint klar: Egal, ob in den USA, Großbritannien oder Österreich, bei der Bundestagswahl 2013 oder bei Landtagswahlen wie der im Saarland: Meinungsforscher scheinen den Draht zum Wahlvolk verloren zu haben. Ihnen kann man nicht mehr vertrauen, so der Volksmund. Gleichzeitig waren Umfragen noch nie so wichtig wie heute.

Denn bei jeder Wahl kann man ein wiederkehrendes Szenario beobachten: Vor dem Tag der Entscheidung werden Umfragen als Tatsachen präsentiert, um am Tag danach die Schuldigen zu suchen, weil die Prognosen nicht eingetroffen sind wie erwartet.

Dabei sind Zeiten politischer Umbrüche für Meinungsforscher besonders schwer. Während ältere Generationen viel stärker entlang ihrer Klasse wählten und Parteien die Treue hielten, steigt die Zahl der Wechselwähler zunehmend. Dazu kommt in vielen westlichen Ländern eine ausgesprochene Unzufriedenheit mit den Großparteien der Nachkriegsära.

Kritik begleitet die Meinungsforschung schon immer

Für die Wahlforscher sind neue Parteien wie die AfD in Deutschland, UKIP in Großbritannien, aber auch Shooting-Stars wie Emmanuel Macron in Frankreich besonders schwierig einzuschätzen. „Wenn sich die Dynamik verändert, können wir uns so lange nicht sicher sein, bis wir unser Modell in einer richtigen Schlacht – für uns eine Wahl – getestet haben“, sagt Ben Page, Chef des britischen Meinungsforschungsunternehmens Ipso MORI.

Wahrnehmung von Meinungsumfragen vor der Bundestagswahl
Vor Wahlen kann man Umfragen kaum ausweichen: 7 von 10 Befragten haben in der Woche vor der Bundestagswahl 2013 welche gesehen.

Seit Erfindung der politischen Meinungsforschung in den 1930er Jahren gibt es Kritik an ihr. „Der Schwerpunkt der Kritik hat sich im Laufe der Zeit von der Manipulation der Parteien auf die Nutzung der Meinungsforschung durch die Medien verschoben“, schreibt Torsten Faas, Politikforscher an der Universität Mainz. „Das durchgängige Motiv bildet die Sorge um die Funktionsfähigkeit der Demokratie.“ Bereits 1992 warnte der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker, wir lebten in einer „Demoskopiedemokratie“.

Die Bedeutung von Wahlumfragen spitzt sich in der Zeit vor einer Bundestagswahl zu. Laut Faas steigt die Wahrnehmung von Wahlumfragen in der Wahlkampfzeit rasant an. In der Woche vor der Parlamentswahl 2013 beispielsweise hatten fast 70 Prozent der Befragten Umfragen gesehen oder davon gehört (siehe Abbildung). Man kann davon ausgehen, dass auch bei der Bundestagswahl 2017 der Wert nochmals steigen wird.

Umfragen verändern die Entscheidungen von Politikern und Wählern

Wie stark Wahlumfragen tatsächlich auf das Ergebnis Einfluss nehmen können, darüber streiten Politikwissenschaftler und Meinungsforscher. Es gibt gegenläufige Thesen, die einerseits besagen, Wähler tendierten an der Urne eher zum Underdog-Kandidaten, anderseits doch eher zum wahrscheinlichen Sieger. Unbestritten aber ist: Umfragen lassen Wähler nicht kalt – und Politiker, deren Karrieren bei Wahlen auf dem Spiel stehen, umso weniger. Deshalb nun drei Beispiele dafür, welche Bedeutung Umfragen haben:

Erstens: Die Kanzlerin lässt die Gemütslage der Bürger erforschen

Frisch im Amt sagte Angela Merkel noch im August 2006: „Ich tue das, was ich für richtig und wichtig halte. Sich nach Umfragen zu richten, wäre vollkommen falsch.“ Recherchen des Magazins Der Spiegel zeigen allerdings, dass die Bundeskanzlerin sich mittlerweile nicht mehr an ihr eigenes Credo hält. Zwischen 2009 und 2013 – neuere Informationen sind nicht bekannt – gab Merkel über das Bundespresseamt rund 600 Umfragen in Auftrag. Durchschnittlich drei Umfragen pro Woche kosten die Steuerzahler jährlich rund 2 Millionen Euro.

„Niemand ist über die Gemütslage der Bürger, über ihre Ängste und Hoffnungen besser informiert als Angela Merkel“, schreiben die Spiegel-Autoren. Doch dieses Wissen will das Kanzleramt nicht teilen: Weder die Öffentlichkeit noch alle Mitglieder der Regierung hatten Zugang zu dem größten Stimmungsbarometer der deutschen Gesellschaft. Erst nach Ablauf der Legislaturperiode durfte der Bundestagsabgeordnete Malte Spitz die Dokumente einsehen. Für die laufende Legislaturperiode habe ich einen Antrag nach Informationsfreiheitsgesetz gestellt – Ausgang ungewiss.

Zweitens: Die FDP profitierte von schlechten Umfrageergebnissen

Schaut man sich zwei Wahlgänge der FDP an, liegt nahe, dass Wahlumfragen die Wähler beeinflusst haben: Unmittelbar vor der Bundestagswahl 2013 lagen die Liberalen in Umfragen laut Bild-Zeitung bei 6 Prozent, das ZDF nannte 5,5 Prozent. Am Wahltag blieb der Balken jedoch bei 4,8 Prozent stehen – und die FDP flog aus dem Bundestag. Die Umfragen, die die Partei in falscher Sicherheit gewogen hatten, könnten die nötigen Leihstimmen von Sympathisanten anderer Parteien gekostet haben.

Anfang 2013 machte die FDP hingegen die umgekehrte Erfahrung bei der Landtagswahl in Niedersachsen: In Umfragen lag die Partei zwischen 4 und 5 Prozentpunkten, am Wahlabend hingehen bei fast 10 Prozent. Der Unterschied: In Niedersachsen wurde offensiv um Leihstimmen aus der Union geworben. Die Umfragen selbst haben also nicht die Wähler beeinflusst. Aber die Politiker der CDU waren daraufhin bewogen, eine Stimmenkampagne für ihren Juniorpartner in der Koalition zu machen, schreibt Yvonne Schroth von der Forschungsgruppe Wahlen im Buch Demokratie und Demoskopie. So gaben in einer Befragung von der Forschungsgruppe Wahlen auch 80 Prozent der FDP-Wähler an, dass ihnen die CDU am besten gefalle. Die FDP wurde von CDU-Sympathisanten ausschließlich gewählt, um die schwarzgelbe Koalition zu retten.

Drittens: Umfragen haben unmittelbare Auswirkungen auf die Politik

Umfragen sind aber auch bedeutsam, weil sie konkrete, unmittelbare Auswirkungen haben. So hatten die Finanzmärkte – wohl auch aufgrund der Umfragen – nicht mit einer Mehrheit für den Brexit gerechnet. Am Folgetag der Entscheidung brach der Kurs der britischen Währung Pfund ein.

Bei den republikanischen Vorwahlen zur US-Präsidentschaftswahl wurden auf Basis der Umfragewerte die zehn bestgereihten Kandidaten zur TV-Diskussion geladen. Die anderen sieben hatten danach kaum mehr eine realistische Chance im Wahlkampf, dabei lagen die Kandidaten teilweise nur Promillepunkte auseinander.

Auch in Deutschland beeinflussen Wahlumfragen die Politik, beispielsweise in der Flüchtlingspolitik. „Umfrageergebnisse haben eine Rückwirkung auf die öffentliche Meinung, auf die veröffentlichte Meinung und oft genug damit auch auf das Verhalten von Politikerinnen und Politikern“, schreibt Yasmin Fahimi, Staatssekretärin im Arbeitsministerium. „Schnell haftet politischen Vorhaben nach einer Umfrage der Ruch des Unpopulären an, was imagebewusste Politikerinnen und Politiker selten kaltlässt.“ Auch geben gute Umfragewerte einem Wahlkampf neuen Elan, wie SPD-Chef Martin Schulz gerade zeigt.

Umfragen sind wie Würste – keiner will wissen, wie sie gemacht werden

„Gesetze sind wie Würste, man sollte besser nicht dabei sein, wenn sie gemacht werden.“ Dieses vermeintliche Bismarck-Zitat kann man auch auf Umfragen anwenden, meint der britische Meinungsforscher Ben Page. „Jeder liebt das Ergebnis, niemand die Herstellung“, sagt Page, der das renommierte Meinungsforschungsunternehmen Ipsos MORI leitet. Zwischen der Befragung der zufällig ausgewählten, repräsentativen Stichprobe und der Veröffentlichung der Prozentsätze liegt ein schwieriger Prozess: die Gewichtung. (…)

+++ Weiterlesen bei Krautreporter, wo Christian Fahrenbach und Dominik Wurnig den Zusammenhang Die Macht der Umfragen erklären. +++

Die S&R-Prognose ist online! So funktioniert sie

Die dritte Stufe unseres Modells ist online und anders als die beiden bisherigen Schnitte wagt sie als Prognose den Blick in die Zukunft. Dafür kombinieren wir den S&R-Umfrageschnitt mit einem Prognosemodell, um täglich aktuelle Prognosen zu liefern. So funktioniert’s.

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Ipsos-CEO: Warum Wahlprognosen immer schwieriger werden

Für das GQ-Magazin ist er der “genialste Meinungsforscher” überhaupt. Das beweist Ben Page auch im Signal & Rauschen-Exklusivinterview. Uns hat er erzählt, warum Wahlprognosen wie Würste sind, wieso es angesagt ist, Front National zu wählen - und er hat zugegeben, welche Fehler er vor der Brexit-Abstimmung gemacht hat.

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