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Keine Angst vor Marine Le Pen

Das Gerücht hält sich hartnäckig: Weil die Wahlumfragen bei Trump und beim Brexit danebenlagen, wird auch Marine Le Pen siegen. Haben Wahlforscher wirklich ein Problem, Rechtspopulisten einzuschätzen? Die Analyse der Zahlen hat mich überrascht.

Gemäßigte Politiker und Wähler von Helsinki bis Lissabon fragen sich, ob die bei manchen verhasste rechte Kandidatin Marie Le Pen beim zweiten Wahlgang in Frankreich am Ende doch noch einen Überraschungssieg einfahren kann. Sie führen ihre Sorge vor einer Überraschung darauf zurück, dass die Wahlforscher angeblich beim Brexit und beim Wahlsieg von Donald Trump auch danebengelegen haben. Und diesmal prognostizieren die Institute einen deutlichen Vorsprung des unabhängigen Kandidaten Emmanuel Macron vor der Rechtspopulistin Le Pen. Aber angeblich verschweigen viele rechte Wähler ihre Vorlieben im Interview mit dem Meinungsforscher aus Angst vor dessen Urteil.

Doch haben die Umfrage-Institute wirklich ein Problem mit der genauen Erfassung rechter Parteien? Um das zu beantworten, habe ich mir zum einen Einschätzungen von Experten angeschaut. Zum anderen habe ich die jeweils letzten Werte der Rechten und Rechtspopulisten zu sechs wichtigen Wahlgängen in Deutschland und Europa seit dem Brexit-Votum am 23. Juni 2016 ausgewertet und mit über 70 Umfragen verglichen.

In den USA spielte plötzlich die Siegeswahrscheinlichkeit eine Rolle

Die Wahlforscher selbst bestehen zunächst einmal darauf, beim Brexit und den USA entgegen der allgemeinen Annahme einigermaßen richtig gelegen zu haben. Bei der Präsidentschaftswahl lag der ebenfalls mit einem rechten und populistischen Parteiprogramm antretende Donald Trump kurz vor der Wahl landesweit knapp 3,5 Prozentpunkte hinter Hillary Clinton. Sie hatte schließlich 2,1 Prozentpunkte Vorsprung bei den absoluten Stimmen der Wähler – erst das komplizierte Wahlmännersystem der USA brachte Trump den Sieg.

Problematisch war hier, dass viele Medien statt von den Prozentwerten von Siegwahrscheinlichkeit schrieben – ein Wert, mit dem viele Mediennutzer deutlich weniger vertraut sind. Statt zu schreiben, dass Clinton etwa mit 47 zu 43 Prozent der Stimmen vorne liegt, hieß es plötzlich überall, sie habe eine „85-Prozent-Chance“ auf den Sieg. Die Entscheidung fühlte sich sehr viel deutlicher an, als sie es dann tatsächlich war. Hinzu kam, dass besonders viele Spätentscheider Trump ihre Stimme gaben, schreibt US-Umfrageexperte Nate Silver. Genau sie haben dann einige Bundesstaaten, in denen ein besonders enges Rennen vorhergesagt war, knapp gekippt.

Beim Brexit gab es Probleme mit der Gewichtung

Beim Brexit sagten die Umfragen zuletzt eine 51:49 Prozent-Entscheidung für „Remain“ (Bleiben) voraus. Am Ende ging es 48:52 aus. Statistisch liegt das innerhalb der immer möglichen Fehlerspanne von plus/minus drei Prozentpunkten – aber im Ergebnis schmeißt es eben die komplette Vorhersage um. Das lag in diesem Fall auch daran, dass die Meinungsforscher ihrem eigenen erhobenen Werten nicht getraut haben – sie haben sie zu sehr „massiert“, wie manche Experten den Gewichtungsprozess beschreiben.

Aus den reinen Befragungsergebnissen ergab sich zuletzt beispielsweise beim internationalen Umfragegiganten Ipsos eine knappe Mehrheit für den auch besonders von rechtskonservativen Kräften vorangetriebenen Austritt. Die Forscher hatten dann aber den Wunsch nach Veränderung unterschätzt: Sie glaubten, dass viele sich in letzter Minute doch für den Status Quo entscheiden würden und gewichteten ihre Zahlen falsch.

Generell nimmt zudem die Parteiloyalität ab. „Die Zahl der Wechselwähler steigt europaweit und viele Menschen wählen Parteien, denen sie bei vorherigen Abstimmungen noch nicht ihre Stimme gaben“, sagt Nando Pagnoncelli, der Italienchef bei den Ipsos-Meinungsforschern. Zwei der drei Wahlen mit der größten Wählerwanderung in der Geschichte der EU habe es in den letzten fünf Jahren gegeben: In Griechenland entschieden sich 2012 fast 50 Prozent der Wähler für eine andere Partei als bei der Wahl zuvor. In Italien waren es 2013 knapp 40 Prozent, rechnete Pagnoncelli beim Journalismusfestival in Perugia vor.

Für die Wahlforscher wird das zum Problem, denn wer in seiner Meinung und Sympathie schwankt, der lässt sich schwerer einschätzen. Unter den Wechselwählern haben viele ihre Stimme auch aus Protest an die Rechten gegeben – Parteien, für die Statistiker oft keine historischen Vergleichswerte haben. Dementsprechend können sie schwerer beschreiben, wo beispielsweise die noch junge AfD wirklich steht.

Es bleiben also einige weiche Faktoren, die korrekte Umfragewerte für Rechtspopulisten erschweren: Protestentscheidungen in letzter Minute, der immer stärkere Wunsch danach, die Dinge mal aufzumischen und eine immer geringere Loyalität für eine Partei über einen längeren Zeitraum hinweg. Problematisch sind diese Stellschrauben aber nur, wenn es den Instituten langfristig nicht gelingt, Korrekturwerte zu finden und die erhobenen reinen Werte nicht korrekt durch ihre Umrechnungsfilter laufen. Weil viele Institute über ihre eigenen genauen Faktoren schweigen, sind Umfragen kurz vor einer Wahl der beste Realitätscheck.

Sechs Wahlumfragen auf dem Prüfstand

Wahl 1: 4. September 2016Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern – Alternative für Deutschland

Noch im vergangenen Frühjahr hatte es so ausgesehen, als ob die Meinungsforscher ein großes Problem mit der AfD hätten, denn in Sachsen-Anhalt waren die Rechtspopulisten seinerzeit im März um rund sechs Prozentpunkte unterschätzt worden. Doch bei der ersten deutschen Landtagswahl nach dem Brexit-Votum schafften es die Institute gut, die Stimmung zu den Rechtspopulisten zu erfassen.

Das zeigen die letzten vier Umfragen, die in Mecklenburg-Vorpommern in den zwei Wochen vor der Wahl veröffentlicht wurden. Darin kam die AfD auf durchschnittlich 21,8 Prozent. Sie landete schließlich bei 20,8 Prozent, der Unterschied beträgt also 1,0 Prozentpunkte und ist statistisch völlig in Ordnung.

Wahl 2: 13. September 2016 – Abgeordnetenhauswahl Berlin – Alternative für Deutschland

In Berlin setzte sich dieser Trend fort: Die AfD kam in den fünf Umfragenzwei Wochen vor der Wahl auf durchschnittlich 14 Prozent – und erzielte dann am Wahlabend 14,2 Prozent.

Wahl 3: 4. Dezember 2016 – Präsidentschaftswahl Österreich – Norbert Hofer / Freiheitliche Partei Österreichs

Einen ersten großen Post-Brexit-Stimmungstest auf landesweiter Ebene erlebten die Österreicher am 4. Dezember. Für diesen Tag war dort die wiederholte Stichwahl zum Präsidenten angesetzt. Der rechtspopulistische FPÖ-Kandidat Norbert Hofer war mit nur wenigen zehntausend Stimmen Rückstand zuvor nur knapp unterlegen und hoffte auf einen Sieg.

Am Abend kam dann aber für viele die Erleichterung: Hofer konnte seine Umfragewerte nicht erreichen oder übertreffen. Er war im November in vier Umfragen auf 52 Prozent, 51 Prozent, 52 Prozent und 49 Prozent geschätzt worden – in den letzten beiden Wochen vor der Wahl gab es keine neuen Umfragedaten – und landete schließlich bei 46,2 Prozent. Hier waren die rechtskonservativen Kräfte nicht mehr unter-, sondern plötzlich überschätzt. Die Umfragen hatten Hofer über vier Prozentpunkte zu hoch angesetzt.

Wahl 4: 15. März 2017 – Parlamentswahlen Niederlande – Geert Wilders / Partij voor de Vrijheid

Bedeutsamer als die österreichische Abstimmung war vier Monate danach die Entscheidung der knapp 13 Millionen Wahlberechtigten in den Niederlanden. Würden sie sich für den rechten Geert Wilders und seine „Freiheitspartei“ entscheiden? Häufig war Wilders in dessen Wahlkampf mit Donald Trump aufgetreten, auch nach Trumps Erfolg war Wilders mehrfach im New Yorker Trump-Tower zu Gast. Viele glaubten, dass ihm am 15. März eine ähnliche Überraschung gelingen könnte und auch er erfolgreicher sein könnte als zuvor erfragt.

Aber auch hier kam es anders: 17 Umfragen sind in den zwei Wochen vor der Wahl veröffentlicht worden. (…)

+++ Weiterlesen bei Krautreporter, wo Christian Fahrenbach und Dominik Wurnig den Zusammenhang Die Macht der Umfragen erklären. +++

Woche 37 – Was die Umfragen zeigen

Eine Woche vor der Wahl: Die Union verliert leicht, die SPD erlebt einen winzigen Hoffnungsschimmer und die AfD gewinnt stetig leicht hinzu.

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Woche 26 – Was die Umfragen zeigen

Drei neue Umfragen zeigen keine deutlichen Trends in der Sonntagsfrage. Zum Politthema der Woche aber sind die Zahlen klar: Unter Anhängern aller Parteien gibt es eine Mehrheit für gleichberechtigte gleichgeschlechtliche Ehen.

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