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Wissenschaftler sehen Schulz-Zug auf dem Abstellgleis

Nicht nur Meinungsumfragen versuchen den Ausgang der Bundestagswahl vorherzusagen. Auch Politikwissenschaftler arbeiten an Prognosemodellen. Über vier Monate vor der Wahl legen zwei davon sich fest: Merkel bleibt vorne.

Gerade erst haben die letzten Parteien ihre Spitzenkandidaten bestimmt, der Wahlkampf hat noch gar nicht begonnen und bis zum Wahlsonntag sind es noch 144 Tage. Dennoch trauen sich Wissenschaftler mit ihren Prognosen bereits vor den Vorhang. „Jenseits der Glaskugel“ – unter diesem Titel stellten am Mittwochabend in der Hertie School in Berlin Politikwissenschaftler ihre Vorhersagen zur Bundestagswahl 2017 vor.

„Glauben nicht an den Schulz-Effekt”

Prognosemodell von Munzert für die Bundestagswahl 2017
Prognosemodell von Simon Munzert und anderen für die Bundestagswahl 2017. Stand: 3.Mai 2017.

Simon Munzert, Politikwissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität, und seine Kollegen von http://zweitstimme.org/ sagen der CDU/CSU derzeit trotz leichter Verluste einen fulminanten Wahlsieg voraus. Mit heutigem Stand komme die Union auf rund 37,1 Prozent, die SPD auf 27,2 Prozent, die AfD auf 9,2 Prozent, die Linke auf 8,4 Prozent, die Grünen auf 7,1 Prozent und die FDP auf 6,0 Prozent. „Unser Modell glaubt nicht so richtig an den Schulz-Effekt”, sagt Munzert. „Die Verluste für die CDU würden sich in unserem Modell in Grenzen halten.“ Allerdings schränkt er ein: Die Schwankungsbreite beträgt bei der größten Partei ganze acht Prozentpunkte, bei den Kleinparteien noch immer mehr als zwei Prozentpunkte. Heißt also, dass derzeit für die Union alles zwischen etwa 29 und 45 Prozent möglich wäre.

Munzert und seine Kollegen bauen ihr Modell aus historischen und strukturellen Komponenten zusammen, wie dem Abschneiden bei bisherigen Wahlen, dem Kanzlerbonus und dem Umfragedurchschnitt 200 Tage vor der Wahl. Außerdem sollen bis zur Wahl zunehmend aktuelle Umfragen in die Prognose einfließen.

Um die Qualität des Prognosemodells noch vor dem Wahltag zu überprüfen, berechnen und vergleichen die Wissenschaftler ihr Modell mit vorangegangen Wahlen. Im Mittel lag man nur um 2,14 Prozentpunkte daneben, sagt Munzert. „Die eigentliche Stärke des Modells findet zwei Monate vor der Wahl statt,” sagt Munzert. Ein bis zwei Wochen vor der Wahlen böten dann wieder aggregierte Umfragen-Durchschnitte, wie von Nate Silver in den USA propagiert (oder auch bei Signal & Rauschen), die besten verfügbaren Informationen.

Neben den Stimmanteilen der Parteien liefern Munzert und Kollegen aber noch andere Vorhersagen: Die Chance, dass die Grünen an der 5-Prozent-Hürde des Bundestags scheitern könnten, sehen sie bei sieben Prozent. Für die FDP prognostizieren sie eine höhere Wahrscheinlichkeit von 25 Prozentpunkten. Das entspricht der Wahrscheinlichkeit, dass zwei Münzwürfe zweimal hintereinander Kopf ergeben.

Landtagswahlen als Proxies

Prognosemodell von Kayser/Leininger für die Bundestagswahl 2017. Stand: 3.Mai 2017
Prognosemodell von Kayser/Leininger für die Bundestagswahl 2017. Stand: 3.Mai 2017

Einen anderen Weg wählen die Politologen Mark Kayser und Arndt Leininger (Disclaimer: Arndt unterstützt auch uns bei S&R bei Datensammlung und -analyse.). Sie vergleichen den Ausgang von Land- und Bundestagswahlen seit den 1960er Jahren miteinander und entwickeln auf Basis der aktuellen Landeswahlen eine Prognose für die Bundestagswahl. (Daher könnte sich ihre Vorhersage auch nach den Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen nochmals ändern.)

Die Ergebnisse sind stark unterschiedlich: Kayser/Leininger prognostizieren derzeit, dass die CDU/CSU bei 34,8% landen wird, gefolgt von der SPD bei 26,6%, den Grünen bei 10,6 Prozent, den Linken bei 9,3% und der FDP bei 8,1%.

Sofort fällt der Pferdefuß ihres Modells auf: Da die AfD erst seit 2013 antritt, wird sie bei Kayser/Leininger gemeinsam mit dem Rest unter Sonstige geführt. Insgesamt sollen diese auf 10,6 Prozent kommen. Die Schwankungsbreite macht in ihrem Modell weniger als einen Prozentpunkt aus. Auch auffällig ist, dass Kayser/Leininger die Grünen vor der Linkspartei vermuten und weit besser liegen als in den meisten aktuellen Umfragen.

“Werkzeug für die Parteien”

Politikwissenschaftler Thorsten Faas: "Entscheidend ist, was auf dem Platz passiert."
Politikwissenschaftler Thorsten Faas: „Entscheidend ist, was auf dem Platz passiert.“

Letztlich können Prognosen – und  Umfragen genausowenig – nicht einpreisen, welche unvorhergesehenen, wahlbeeinflussenden Ereignisse noch auf uns zukommen. Ereignisse wie etwa die Fukushima-Katastrophe 2011 oder das Elbe-Hochwasser 2002. Auch können sie nicht abschätzen, wie sich ein Spitzenkandidat oder eine gelungene Wahlkampagne auswirken wird. „Die Prognosemodelle sind die geronnene Erfahrung aus der Vergangenheit. Wenn die Wahl 2017 so funktioniert, wie Wahlen in der Vergangenheit, dann wird es so ausgehen”, sagt Politikwissenschaftler Thorsten Faas von der Universität Mainz. „Das schafft uns einen Referenzwert.”

Die Prognosen spiegeln wider, wie eine normale Wahl mit einem durchschnittlichen Spitzenkandidaten und normaler Kampagne ausgehen würde. „Dadurch geben wir den Partei aber ein neues Instrument in die Hand, um abzuschätzen wie sie normalerweise abschneiden sollten”, sagt Leininger. „So kann man hinterher messen: Haben wir under- oder overperformed?”

Am Ende werden alle klüger sein. „Entscheidend ist letztlich, was auf dem Platz passiert und das ist eigentlich auch ganz gut”, plädiert Faas dafür, Umfragen und Prognosen nicht zu viel Bedeutung zu schenken.

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