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Die britische Wahl erklärt in 8 Grafiken und einem Video

Es ist alles sehr verwirrend: Theresa May hat die Wahl gewonnen, aber in Wirklichkeit verloren. Jeremy Corbyn hat in Wirklichkeit verloren, aber eigentlich gewonnen. Wieso die Konservativen trotzdem Erster sind, aber die demografische Entwicklung für Labour spricht.

Die Fakten sind klar: Theresa May lag in den Umfragen kilometerweit in Führung als sie Neuwahlen ausrief. Im Wahlkampf läuft es für Jeremy Corbyn weitaus besser und seine Partei holt immer stärker auf. Am Wahltag liegen beide Parteien nur noch 2,3 Prozentpunkte auseinander. Labour gewinnt 32 Parlamentssitze dazu, während die Konservativen 13 Sitze und damit die absolute Mehrheit verlieren. Aber: Wie kam es dazu? 8 Grafiken und ein Video erklären das britische Wahlergebnis.

1. Die Generationen sind gespalten

Bei den Erstwählern im Alter von 18 und 19 Jahren erreichten die Sozialdemokraten eine verblüffende 2/3-Mehrheit. Gespiegelte Verhältnisse dafür bei den über 70jährigen. Die Silberrücken wählten zu 69 Prozent Konservativ. Erstaunlich auch: Bei den Liberaldemokraten oder der Scottish National Party lässt sich kein Alterstrend herauslesen.

2.Das magische Alter ist 47

Hieß es vor der Wahl noch, dass der Wendepunkt im Wahlverhalten bei 34 Jahren liegt, zeigt die Yougov-Nachwahlbefragung von 50 000 Briten: Wer jünger als 47 ist, hat wahrscheinlich für Labour gestimmt, wer älter ist, wahrscheinlich für die Conservatives.

3.Wahlbeteiligung gestiegen

2017 lag die allgemeine Wahlbeteiligung mit 68,7 Prozent höher als 2015 mit 66,4 Prozent. Obwohl die Steigerung vor allem auf junge Wähler zurückzuführen ist, gehen dennoch verhältnismäßig wenige zur Wahl. 57 Prozent Wahlbeteiligung bei den 18- und 19-jährigen steht eine Wahlbeteiligung von 84 Prozent bei den über 70-jährigen gegenüber.

4.Klassenkampf hat ausgedient

Lange Zeit galt: Die britische Gesellschaft ist stark in Klassen geprägt. Die Arbeiterschicht wählt Labour, Bürgerliche wählen Konservativ. Doch der Klassenkampf hat ausgedient. Im Wahlverhalten zeigt sich (A entspricht der obersten Schicht, E der untersten Schicht) kein Klassenunterschied mehr.

5.Bildung wählt Labour

Neben Alter ist der Bildungsgrad die zweite große Trennlinie zwischen den politischen Lagern. Schon bei der Brexit-Abstimmung haben niedrige gebildete eher für den Austritt gestimmt. Auch jetzt bei  der Parlamentswahl hat eine satte Mehrheit von 55 Prozent der schlecht Ausgebildeten für die Konservativen gestimmt, während nur 33 Prozent für Labour stimmten. Um so höher der Bildungsgrad, um so stärker ist dann der Stimmenanteil für Labour – aber auch die Liberaldemokraten (in Orange) schneiden bei höher Gebildeten besser ab.

Der Unterschied lässt sich zum Teil auch über das Alter erklären: Junge Menschen haben heute viel öfters Universitätsabschlüsse und haben einen formal höheren Bildungsgrad.

6.Kaum ein Geschlechterunterschied

Der Geschlechterunterschied im Wahlverhalten war bei der britischen Unterhauswahl ziemlich schwach ausgeprägt. Minimal besser schnitten die Konservativen bei den Männern hab, umgekehrt lag Labour bei den Frauen gleich auf mit den Konservativen.

7.Parteiische Zeitungen

Die britischen Zeitungen gelten als brutal und extrem parteiisch – das zeigt sich auch deutlich im Wahlverhalten der Leserschaft. Telegraph, Express sowie die Boulevardblätter Mail und Sun haben großteils konservative Leser. Am anderen Ende des Spektrums steht der liberale Guardian, die Internetzeitung Independent und der Mirror. Interessant: Die Financial Times, hier FT genannt, ist das Leibblatt der Londoner Bankenszene. Dennoch teilt sich die Leserschaft in fast gleich größer Blöcken in Labour und Conservatives auf.

8.Corbyn überzeugte die eigenen Anhänger

Noch in der Vorwahlkampfzeit waren die Labour-Unterstützer weitgehend unzufrieden mit ihrem Parteivorsitzenden, wie eine Erhebung von Ipsos Mori zeigt. Im Laufe des Wahlkampfs ändert sich das stetig und so konnte Corbyn sein Potenzial ausschöpfen.

9.Video: Ein sehr müder Jonathan Pie mit ganz großem Kino

Foto: David Dibert

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