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Wie Meinungsumfragen Demokratie verändern

Wann Umfragen wirklich repräsentativ sind und welche Methode die beste ist, darüber können sich Meinungsforscher streiten. In einem Punkt sind sie sich einig: Die Medien haben ihren Umgang mit Meinungsumfragen stark verbessert.

Je näher die Bundestagswahl rückt, desto mehr Menschen schauen auf die Umfragen von Wahlforschungsunternehmen, die die politische Stimmung im Land wiederzugeben versuchen. Daher können Umfragen gerade in den letzten Wochen vor der Wahl das Wählerverhalten beeinflussen. Andererseits kann unabhängige Meinungsforschung als Pfeiler demokratischer Staaten betrachtet werden. Das Interesse an Meinungsumfragen steigt stetig, Institute müssen ihre Methoden jedoch ständig an Veränderungen der politischen Kultur anpassen, um aussagekräftig zu bleiben.

Auf Einladung des Wissenschaftsprojekts die Debatte diskutierten Politikwissenschaftler und Umfrageunternehmen unter dem Titel „Die Macht der Meinungsforscher – wer weiß, wen wir wählen?“ am Donnerstagabend in der Hörsaalruine der Charité über Veränderungen in der Wahlforschung und künftige Herausforderungen.

 

Umfrageforschung als Geschäft

„Seit Beginn der Umfrageforschung in den 50er Jahren ist die Anzahl und die Frequenz von Meinungsumfragen stetig gestiegen“, stellte Moderator Christoph Koch vom Magazin Stern fest. „Heute haben wir eine hochfrequente Demoskopie“, so Koch. Umfrageforschung ist ein Geschäft, in dem viele Akteure miteinander konkurrieren. Ist das ein Problem? „Im Gegenteil“, findet Dr. Nico A. Siegel, Geschäftsführer von infratest dimap. Nur durch die Pluralität von Akteuren und Ansätzen könne es eine gegenseitige Kontrolle und eine „marktgegebene Korrektur“ von Ergebnissen geben. Die sei wichtig, da „die Art der Messung nicht neutral sein kann“. Schon allein Reihenfolge oder Wortlaut der Fragen könnten Umfrageergebnisse beeinflussen.

Über den besten Ansatz zur Erhebung von Daten gibt es bei den Instituten deutliche Meinungsverschiedenheiten, wie im Austausch zwischen Civey-Gründerin Janina Mütze und infratest-Geschäftsführer Siegel deutlich wurde. Wann eine Umfrage repräsentativ ist, stellt dabei die zentrale Frage dar. Siegel kritisierte, dass die Auswahl der vom Online-Befragungsunternehmen Civey Umfragenteilnehmer nicht nach dem Zufallsprinzip gemacht werden. Dies sei jedoch bedeutend dafür, ob eine Umfrage als repräsentativ gelten könne. Die tatsächlich zufällige Auswahl von Teilnehmern sei heutzutage nicht mehr leistbar, da beispielsweise die Bereitschaft zur Teilnahme an Telefonumfragen stetig sinke und tendenziell nur noch bei einer bestimmten Bevölkerungsgruppe gegeben sei, entgegnete Mütze. Civey setze daher auf die Größe des Befragungspanels und damit die Anzahl erhobener Daten.

 

„Medien haben ihren Umgang mit Umfragen stark verbessert“

 

Als ein Grund für Unterschiede zwischen Umfragen und Wahlergebnissen wurde der Einfluss von Meinungsumfragen auf die Wahlbevölkerung genannt. „Es besteht die Möglichkeit, dass sich eine Umfrage durch ihre eigene Veröffentlichung selbst ad absurdum führt, indem sie ein entgegengesetztes Wählerverhalten erzeugt“, sagte Politikwissenschaftler Thorsten Faas von der Universität Mainz. Dies könne man aber nicht als Fehler der Forschungsinstitute verbuchen. Stattdessen sei der Umgang mit Umfrageergebnissen von hoher Bedeutung. Gerade hier liege die Verantwortung nicht allein bei den Instituten. „Umfrageergebnisse entfalten ihre Wirkung über Multiplikatoren, dazu zählen vor allem Medien“, sagte Siegel von infratest dimap.

Diese haben ihren Umgang mit Umfrageergebnissen inzwischen stark verbessert, waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig. „Auf der Seite der Redaktionen hat es viel Selbstreflexion gegeben“, betonte Mütze von Civey. Statistische Unsicherheiten und Fehlerquoten würden inzwischen viel häufiger angegeben. Auch der Umstand, dass Umfragen keine Prognose sondern lediglich ein aktuelles Stimmungsbild wiedergeben, werde heute deutlicher gemacht als vor einigen Jahren. „Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass eine Wahlumfrage wie eine Fiebermessung funktioniert“, sagte Faas. Möglicherweise könnten Medien den  „Mobilisierungsgrad der Bevölkerung noch besser anzeigen“, so Faas. Wahlbeteiligung und die Anzahl der unentschlossenen Wähler könnten demnach noch stärker betont werden.

Siegel erklärte, infratest dimap habe sich gemeinsam mit der ARD entschlossen, auch bei dieser Bundestagswahl zehn Tage vor der Wahl die letzen Umfrageergebnisse zu veröffentlichen. „Wir wollen die Wähler kurz vor der Wahl möglichst unbeeinflusst lassen“, sagte Siegel. Es gebe gute Gründe für dieses Vorgehen, er könne sich aber dennoch vorstellen, bei künftigen Wahlen anders zu entscheiden.

 

Wahlforschung der Zukunft – Methoden weiterentwickeln

 

Auch darüber, wie sich Umfrageforschung in Zukunft entwickeln wird, gehen die Auffassungen auseinander. Civey sehe die Zukunft in der Onlinebefragung, so Mütze. „Ich glaube nicht, dass die Teilnahmebereitschaft an Telefonumfragen wieder zunehmen wird“, sagte die Civey-Mitgründerin. Infratest dimap setze stattdessen auf ein Hybridmodell aus Telefon-, Online- und Face-to-face-Befragungen, so Siegel. „Datenschutz wird künftig ein noch wichtigeres Thema werden, mit dem wir uns beschäftigen müssen“, sagte Siegel. Vor allem müssten Umfragemethoden kontinuierlich weiterentwickelt und angepasst werden. Siegel betonte außerdem, dass trotz der hohen Anzahl und Frequenz an Informationen durch Erhebungen, noch viele Fragen in Bezug auf die Bundestagswahl offen sind. Die Spannung auf das Wahlergebnis am 24. September können uns Wahlumfragen aus seiner Sicht daher nicht nehmen.

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