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Neues Prognosemodell von YouGov sieht AfD auf Platz 3

Nicht nur die Prozent der Stimmen, sondern auch die zukünftige Verteilung der Sitze im Bundestag will YouGov mit seinem Modell vorhersagen. Größte Überraschung: Die AfD liegt klar auf dem dritten Platz, während die Grünen um den Einzug bangen müssen. Außerdem soll der Bundestag größer werden als jemals zuvor.

Fünf Tage vor der Bundestagswahl präsentiert das internationale Meinungsforschungsunternehmen YouGov sein Prognosemodell zur deutschen Wahl. Demnach soll die Union mit heutigem Stand auf 36 Prozent der Stimmen und 255 Sitze im Bundestag kommen. Die SPD erhalte 25 Prozent der Stimmen und 176 Sitze. Auf Platz drei sieht das YouGov-Modell die AfD mit zwölf Prozent der Stimmen und 85 Sitzen. Danach folge Die Linke mit zehn Prozent und 74 Sitzen. Die Grünen erreichen sechs Prozent und 44 Sitze, während die FDP auf sieben Prozent und 52 Sitze kommt. Die sonstigen Parteien kommen auf 4 Prozent der Stimmen und scheitern damit alle an der Fünf-Prozent-Hürde.

 

 

Sollte die Prognose von YouGov eintreten, hätte der Bundestag 686 Sitze und wäre damit deutlich größer als jemals zuvor. Neben der Großen Koalition käme – wenn es dabei bleibt, dass niemand mit der AfD zusammenarbeiten will – nur eine Jamaika-Koalition aus CDU/CSU, FDP und den Grünen in Frage. Rot-rot-grün, Schwarz-grün oder auch eine Ampelkoalition hätte laut der Vorhersage keine Mehrheit.

 

Die Grünen könnten an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern

Vorsicht ist allerdings beim Blick auf die Schwankungsbreite geboten: Das  Konfidenzintervall für die Grünen liegt bei fünf bis acht Prozent. Damit ist es durchaus möglich, dass die Grünen nach 34 Jahren aus dem Bundestag fliegen. Bei Union und SPD beträgt die Schwankungsbreite über drei Prozentpunkte. Dementsprechend sind  laut dem Modell auch  32 % für CDU/CSU sowie 28 % für die SPD möglich. Der erste Platz für die Union gilt aber als so gut wie fix.

 

Das YouGov-Modell weicht damit weniger stark als erwartet von den Umfragen anderer Meinungsforscher ab. Im Vergleich zum S&R-Umfrageschnitt sieht YouGov die SPD und die AfD stärker und die Grünen und die AfD schwächer.

 

Zur Erinnerung, vor der britischen Parlamentswahl im Juni 2017 hatte YouGov mit Hilfe eines ähnlichen Modells abweichend von allen anderen Instituten das “hung parliament” (ohne deutliche Mehrheit) korrekt vorhergesagt (Das YouGov-Modell haben wir damals hier vorgestellt). Zu dem Zeitpunkt gingen fast alle britischen Demoskopen noch von einer satten Mehrheit für Theresa May und die Konservativen aus.

 

Die Union bleibt im Süden trotz Verlusten Spitze

Der voraussichtliche Wahlsieg der Union zeigt sich auch in der YouGov-Prognose für die Bundesländer: Die Union gewinne alle Flächenbundesländer und auch hauchdünn die Hauptstadt. In Baden-Württemberg kann sie das beste Ergebnis mit circa 40 Prozentpunkten erwarten – 2013 lag die Union aber hier noch bei über 50 Prozent. Die SPD soll lediglich in den Stadtstaaten Bremen (35%) und Hamburg (31%) vorne liegen. Die CSU werde in Bayern laut YouGov auf 42 Prozentpunkte kommen (Achtung, 5 Prozentpunkte Schwankungsbreite) – das wäre gegenüber der Bundestagswahl 2013 ein Verlust von über zehn Punkten.

 

Stärkstes Bundesland für die AfD soll Sachsen werden, wo YouGov ihren Stimmenanteil auf 18 Prozentpunkte schätzt. Das beste Landesergebnis wird Der Linken in Sachsen-Anhalt mit 24 Prozentpunkten zugetraut. Mit 9 Prozentpunkten sieht es für die Grünen in Hamburg und Baden-Württemberg am besten aus. Höchstwerte mit acht Prozentpunkten kann die FDP in Baden-Württemberg, Bayern und Hessen erwarten.

 

YouGov schätzt Zusammenhänge

YouGov lehnt sich mit seinem Modell weiter aus dem Fenster als andere Meinungsforscher, die rein auf Befragungen setzen. “Wir befragen sehr viel mehr Menschen und die müssen auch nicht repräsentativ sein, aber bestimmten Wählertypen entsprechen”, sagt Holger Geißler, der wissenschaftliche Leiter von YouGov. “Wenn ich weiß, wie häufig bestimmte Wählertypen in welchen Wahlkreisen vorkommen, kann ich für jeden Wahlkreis eine Schätzung der Wahlabsicht machen,” sagt Geißler. Die junge Methode der Multilevel Regression and Post-Stratification, die in den USA entwickelt wurde, erlaubt so für jeden Wahlkreis gemäß der soziodemografischen Zusammensetzung eine Wahlprognose. “Das Modell versucht auf Basis einer nicht-repräsentativen Stichprobe, dennoch repräsentative Ergebnisse zu liefern,” sagt Arndt Leininger*, Politikwissenschaftler an der Universität Mainz, der YouGov beraten hat. Allerdings veröffentlicht YouGov nur die Länderergebnisse, da die Schwankungsbreite in den einzelnen Wahlkreisen zu hoch sei.

 

Oder um es mit dem berechneten Modell auszudrücken: Ein 60 bis 64-jähriger Mann im Südwesten von Köln mit moderatem Interesse für Politik und abgeschlossenem Abitur, der 2013 die CDU gewählt hat, wählt 2017 mit 73 Prozent Wahrscheinlichkeit wieder die Union. Die Wahrscheinlichkeit, dass er SPD, FDP oder AfD wählt sind sechs, zehn respektive sechs Prozent. Eine junge Frau (25 bis 29 Jahre alt) mit gleichen Charakteristiken wählt hingegen diesmal zu 69 Prozent CDU, zu sechs Prozent SPD, zu 13 Prozent FDP und zu vier Prozent AfD. Würden die beiden nicht in Köln, sondern in Berlin-Mitte wohnen, hätte der ältere Mann nur eine 68 Prozent Wahrscheinlichkeit CDU zu wählen, die junge Frau nur 61 Prozent. “Das ist auch ein Beispiel für eine allgemeine Entwicklung, die wir sehen, dass die CDU in Westdeutschland ihre Wähler von 2013 besser halten kann als in Ostdeutschland,” sagt Ben Lauderdale, der das Modell mitentwickelt hat.

 

Jeden Tag befragt YouGov 1200 Menschen im Internet; insgesamt fließen 17 000 Befragte Menschen der letzten zwei Wochen in das Modell ein. Bis zum Samstag vor der Wahl wird das Modell jeden Tag hier aktualisiert.

 

Bei der Implementierung des britischen Modells in Deutschland gab es laut Geißler zwei wesentliche Herausforderungen: Das komplizierte Wahlsystem mit Erst- und Zweitstimme sowie die mangelnden Daten in Deutschland, was wohl mit den strengen Datenschutzregeln hier zu tun hat. “Es gibt eine sehr viel bessere Datenlage in anderen Ländern”, sagt Geißler. “Die zugrunde liegenden Daten sind in Deutschland nicht so reichhaltig wie wir es gerne hätten.” Zur Berechnung hat YouGov Zensusdaten und Strukturdaten des Bundeswahlleiters verwendet und auch bei Microm Daten zur sozioökonomischen Verteilung, Bildung, Alter, Einkommensklassen und Arbeitslosenquote auf Ebene der Wahlkreise zugekauft.

 

An Ströbele scheitert YouGov

Überall dort, wo Ausnahmekandidaten das Erst- und Zweitstimmenergebnis weit auseinander ziehen, versage das YouGov-Modell, sagt Geißler. Wenn Wähler und Wählerinnen weit über die Parteigrenzen hinweg auf Grund der Sympathie für einen Direktkandidaten stimmen, lässt sich das Wahlverhalten nicht mehr nach dem soziodemografischen Schema schätzen. Ein solcher Fall war in der Vergangenheit Grünen-Ikone Hans-Christian Ströbele, der 2013 als einziger Kandidat seiner Partei  ein Direktmandat gewann.  

 

*Arndt Leininger hat auch mitgeholfen den S&R-Umfrageschnitt zu entwickeln.

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