Magazin

Wasserstand: Was die Zahlen einen Tag vor der Bundestagswahl sagen

Vor der Bundestagswahl 2017 gibt es eine unglaubliche Anzahl verschiedener Modelle, die versuchen den Ausgang der Wahl zu schätzen. Dominik Wurnig hat sie verglichen.

Selten gab es vor einer Bundestagswahl so viele verschiedene Modelle, um den Ausgang vorherzusagen (auch wenn sich viele gegen den Begriff Vorhersage wehren – letztlich müssen sie sich daran messen lassen, wie die Zahlen im Vergleich zum Wahlergebnis gelegen sind). In dieser Tabelle habe ich alle Zahlen gesammelt:

Alle Zahlen vor der Bundestagswahl im Überblick:

Tabelle: Alle Zahlen vor der Bundestagswahl im Überblick

Umfragen

Die etablierte und getestete Methode der Umfragen ist die Benchmark. Während Allensbach weiterhin auf persönliche Befragungen setzt, nutzt die Mehrheit der Meinungsforscher telefonische Befragungen (sogenannte CATI). Mit Civey und YouGov gibt es zwei Unternehmen, die rein auf Onlinebefragungen setzen und mit einem komplizierten Modell Repräsentativität errechnen.

Zwar gibt es bei den zehn Instituten keine großen Unterschiede aber dennoch ist kein Herding (wie etwa in Österreich), also der Herdentrieb der Meinungsforscher, zu beobachten. So schwanken die Werte für die CDU/CSU von 34 bis 37 Prozentpunkte, bei der SPD von 20 bis 23 Prozentpunkte und so weiter.

Poll of the Polls

Bei dieser Bundestagswahl haben sich die Poll of the Polls als Methode wohl endgültig auch in Deutschland etabliert. Ähnlich wie der S&R-Umfrageschnitt greifen fast alle Aggregatoren auf Umfragedaten zurück, gewichten diese mit unterschiedlichen Schwerpunkten und geben dann einen gemittelten Wert aus. Neun verschiedene Aggregatoren habe ich gefunden (bitte an [email protected] schreiben, wenn ich einen übersehen haben). Was auffällt: Die Streuung bei den Poll of the Polls ist weit geringer. Die CDU/CSU schwankt hier lediglich zwischen 35,7 und 36,3 Prozentpunkten, die SPD zwischen 21,6 und 22,4 Punkten. Das liegt aber in der Natur der Methode. 

Expertenbefragung

Ein Ausreißer ist die Expertenbefragung, die Pollyvote unter Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Wahlforschung kurz vor dem 1. September durchführte. Dort ist die Union stärker als überall sonst, dafür wird die AfD eine Spur schwächer eingeschätzt als in den meisten anderen Modell.

Wissenschaftliche Prognosen

Schon im Mai 2017 haben sich die wissenschaftlichen Prognosen der Öffentlichkeit (wir haben hier darüber berichtet) gestellt. Das länderbasierte Modell von Mark Kayser und Arndt Leininger baut in erster Linie auf die Ergebnisse vergangener Landtagswahlen auf. Hier schneiden vor allem die Grünen und die SPD deutlich besser ab. Die AfD wird aus technischen Gründen unter Sonstige subsumiert und kommt in Kombination mit den restlichen sonstigen Parteien auf einen niedrigen Wert.

 Simon Munzert und seine Kollegen von zweitstimme.org bauen in ihrem Modell auf strukturelle Komponenten, den Kanzlerbonus und den Umfragedurchschnitt. Da das Modell bis zur Wahl immer stärker auf Umfragen setzt, taucht es auch bei den Poll of the Polls nochmal auf. In der wissenschaftlichen Prognose ist die SPD (26,4%) und auch die Sonstigen (6,5%) deutlich stärker als in anderen Modellen. Zur Erinnerung bei der Bundestagswahl 2013 kamen die Sonstigen (ohne FDP und AfD) auch auf 6,2 Prozentpunkte. Auch die AfD und die Linke werden mit 8,2 und 8,1 Prozentpunkten nirgends so schlecht bewertet wie hier.

 Mixed Method

Die Mixed-Methods-Modelle von Signal & Rauschen, Pollyvote und YouGov sind komplex und für Laien nicht ganz einfach nachzuvollziehen. Pollyvote setzt beispielsweise auf eine Kombination aus Umfragen, wissenschaftlichen Modellen, Expertenbefragungen und Wahlbörsen. Hervorzuheben sind zwei Werte im YouGov-Modell: Die Grünen und die FDP kommen jeweils nur auf 7 Prozentpunkte – das sind die niedrigsten Werte überhaupt.

 Wahlbörsen

Ganz anders, nämlich ähnlich wie Aktienkurse an der Börse werden die Werte in den Wahlbörsen ermittelt: Im FAZ Orakel kommt die AfD auf den Höchstwert von 13,12 Prozentpunkten, die Grünen sind hingegen relativ niedrig.

 

Hier noch einmal alle Werte als Grafik (zugegeben etwas unübersichtlich): 

Foto: andrew jay auf Unsplash

Keine Angst vor Marine Le Pen

Das Gerücht hält sich hartnäckig: Weil die Wahlumfragen bei Trump und beim Brexit danebenlagen, wird auch Marine Le Pen siegen. Haben Wahlforscher wirklich ein Problem, Rechtspopulisten einzuschätzen? Die Analyse der Zahlen hat mich überrascht.

Zum Artikel im Magazin

Woche 18 – Was die Umfragen zeigen

Die SPD verliert weiter, die Liberalen legen dafür schleichend konstant zu. Und über den Erfolg von Emmanuel Macron in Frankreich freuen sich fast alle.

Zum Artikel im Magazin